Wilhelm Tell

Es verwundert nicht, daß der englische Moppel Kirchhügel den Geist unseres großen deutschen Dichters Friedrich von Schiller auslöschen wollte. Denn in seinen Werken hat er so viel völkisches, freiheitliches und idealistisches Gedankengut eingebaut, daß diese die Leute immer wieder zur Schilderhebung gegen das Ausland und seine inländisches Handpuppen und Diener anspornen werden. Besonders eindrucksvoll sind hier die beiden Trauerspiele, die unser Schiller kurz vor seinem Heimgang verfaßt hat und die unzweifelhaft seine Antwort auf die herauf dämmernde gallische Fremdherrschaft darstellen. In seiner Jungfrau von Orleans läßt unser Schiller die gallische Nationalheldin einen Freiheitskampf gegen die Engländer führen und in seinem Wilhelm Tell erheben sich die Schweizer gegen die Gewaltherrschaft der österreichischen Landvögte. Beide Male hüllt unser Schiller also seine Gedanken in Gestalten und Geschichten, an denen der gallische Fremdherrscher keinen Anstoß nehmen kann – geht es ja scheinbar gegen seine Feinde… Die Uraufführung von Schillers Trauerspiel „Wilhelm Tell“ fand im Jahre 1804 in Weimar statt – also ein Jahr vor den Niederlagen Österreichs bei Ulm und Austerlitz und zwei Jahre vor der Unglücksschlacht bei Jena und Auerstedt. Zwei Jahre, bevor die Abdankung von unserem Kaiser Franz II. und die Gründung des Rheinbundes die gallische Fremdherrschaft besiegelte. Grund genug für uns Panzertiere also, um Schillers Stück heute vorzutragen. Bertha von Bruneck redet nun Ulrich von Rudenz ins Gewissen, weil dieser als Schweizer Edelmann auf Seiten der Landvögte steht: http://www.zeno.org/Literatur/M/Schiller,+Friedrich/Dramen/Wilhelm+Tell

Berta.

Er folgt mir. Endlich kann ich mich erklären.

Rudenz.

Fräulein, jetzt endlich find ich Euch allein,

Abgründe schließen rings umher uns ein,

In dieser Wildnis fürcht ich keine Zeugen,

Vom Herzen wälz ich dieses lange Schweigen –

Berta.

Seid ihr gewiss, dass uns die Jagd nicht folgt?

Rudenz.

Die Jagd ist dort hinaus – Jetzt oder nie!

Ich muss den teuren Augenblick ergreifen –

Entschieden sehen muss ich mein Geschick,

Und sollt es mich auf ewig von Euch scheiden.

– O waffnet Eure güt’gen Blicke nicht

Mit dieser finstern Strenge – Wer bin ich,

Dass ich den kühnen Wunsch zu Euch erhebe?

Mich hat der Ruhm noch nicht genannt, ich darf

Mich in die Reih nicht stellen mit den Rittern,

Die siegberühmt und glänzend Euch umwerben.

Nichts hab ich als mein Herz voll Treu und Liebe –

Berta ernst und streng.

Dürft Ihr von Liebe reden und von Treue,

Der treulos wird an seinen nächsten Pflichten?

Der Sklave Österreichs, der sich dem Fremdling

Verkauft, dem Unterdrücker seines Volks?

Rudenz.

Von Euch, mein Fräulein, hör ich diesen Vorwurf?

Wen such ich denn, als Euch auf jener Seite?

Berta.

Mich denkt Ihr auf der Seite des Verrats

Zu finden? Eher wollt ich meine Hand

Dem Gessler selbst, dem Unterdrücker schenken,

Als dem naturvergessnen Sohn der Schweiz,

Der sich zu seinem Werkzeug machen kann!

Rudenz.

O Gott, was muss ich hören!

Berta.

Wie? Was liegt

Dem guten Menschen näher als die Seinen?

Gibt’s schönre Pflichten für ein edles Herz,

Als ein Verteidiger der Unschuld sein,

Das Recht des Unterdrückten zu beschirmen?

– Die Seele blutet mir um Euer Volk,

Ich leide mit ihm, denn ich muss es lieben,

Das so bescheiden ist und doch voll Kraft,

Es zieht mein ganzes Herz mich zu ihm hin,

Mit jedem Tage lern ich’s mehr verehren.

– Ihr aber, den Natur und Ritterpflicht

Ihm zum geborenen Beschützer gaben,

Und der’s verlässt, der treulos übertritt

Zum Feind, und Ketten schmiedet seinem Land,

Ihr seid’s, der mich verletzt und kränkt, ich muss

Mein Herz bezwingen, dass ich Euch nicht hasse.

Rudenz.

Will ich denn nicht das Beste meines Volks?

Ihm unter Östreichs mächt’gem Zepter nicht

Den Frieden –

Berta.

Knechtschaft wollt Ihr ihm bereiten!

Die Freiheit wollt Ihr aus dem letzten Schloss,

Das ihr noch auf der Erde blieb, verjagen.

Das Volk versteht sich besser auf sein Glück,

Kein Schein verführt sein sicheres Gefühl,

Euch haben sie das Netz ums Haupt geworfen –

Rudenz.

Berta! Ihr hasst mich, Ihr verachtet mich!

Berta.

Tät ich’s, mir wäre besser – Aber den

Verachtet sehen und verachtungswert,

Den man gern lieben möchte –

Rudenz.

Berta! Berta!

Ihr zeiget mir das höchste Himmelsglück,

Und stürzt mich tief in einem Augenblick.

Berta.

Nein, nein, das Edle ist nicht ganz erstickt

In Euch! Es schlummert nur, ich will es wecken,

Ihr müsst Gewalt ausüben an Euch selbst,

Die angestammte Tugend zu ertöten,

Doch wohl Euch, sie ist mächtiger als Ihr,

Und trotz Euch selber seid Ihr gut und edel!

Rudenz.

Ihr glaubt an mich! O Berta, alles lässt

Mich Eure Liebe sein und werden!

Berta.

Seid

Wozu die herrliche Natur Euch machte!

Erfüllt den Platz, wohin sie Euch gestellt,

Zu Eurem Volke steht und Eurem Lande,

Und kämpft für Euer heilig Recht.

Rudenz.

Weh mir!

Wie kann ich Euch erringen, Euch besitzen,

Wenn ich der Macht des Kaisers widerstrebe?

Ist’s der Verwandten mächt’ger Wille nicht,

Der über Eure Hand tyrannisch waltet?

Berta.

In den Waldstätten liegen meine Güter,

Und ist der Schweizer frei, so bin auch ich’s.

Rudenz.

Berta! welch einen Blick tut Ihr mir auf!

Berta.

Hofft nicht durch Östreichs Gunst mich zu erringen,

Nach meinem Erbe strecken sie die Hand,

Das will man mit dem großen Erb vereinen.

Dieselbe Ländergier, die Eure Freiheit

Verschlingen will, sie drohet auch der meinen!

– O Freund, zum Opfer bin ich ausersehn,

Vielleicht um einen Günstling zu belohnen –

Dort wo die Falschheit und die Ränke wohnen,

Hin an den Kaiserhof will man mich ziehn,

Dort harren mein verhasster Ehe Ketten,

Die Liebe nur – die Eure kann mich retten!

Rudenz.

Ihr könntet Euch entschließen, hier zu leben,

In meinem Vaterlande mein zu sein?

O Berta, all mein Sehnen in das Weite,

Was war es, als ein Streben nur nach Euch?

Euch sucht‘ ich einzig auf dem Weg des Ruhms,

Und all mein Ehrgeiz war nur meine Liebe.

Könnt Ihr mit mir Euch in dies stille Tal

Einschließen und der Erde Glanz entsagen –

O dann ist meines Strebens Ziel gefunden,

Dann mag der Strom der wildbewegten Welt

Ans sichre Ufer dieser Berge schlagen –

Kein flüchtiges Verlangen hab ich mehr

Hinauszusenden in des Lebens Weiten –

Dann mögen diese Felsen um uns her

Die undurchdringlich feste Mauer breiten,

Und dies verschlossne sel’ge Tal allein

Zum Himmel offen und gelichtet sein!

Berta.

Jetzt bist du ganz, wie dich mein ahnend Herz

Geträumt, mich hat mein Glaube nicht betrogen!

Rudenz.

Fahr hin, du eitler Wahn, der mich betört!

Ich soll das Glück in meiner Heimat finden.

Hier wo der Knabe fröhlich aufgeblüht,

Wo tausend Freudespuren mich umgeben,

Wo alle Quellen mir und Bäume leben,

Im Vaterland willst du die Meine werden!

Ach, wohl hab ich es stets geliebt! Ich fühl’s,

Es fehlte mir zu jedem Glück der Erden.

Berta.

Wo wär die sel’ge Insel aufzufinden,

Wenn sie nicht hier ist in der Unschuld Land?

Hier, wo die alte Treue heimisch wohnt,

Wo sich die Falschheit noch nicht hingefunden,

Da trübt kein Neid die Quelle unsers Glücks,

Und ewig hell entfliehen uns die Stunden.

– Da seh ich dich im echten Männerwert,

Den Ersten von den Freien und den Gleichen,

Mit reiner freier Huldigung verehrt,

Groß wie ein König wirkt in seinen Reichen.

Rudenz.

Da seh ich dich, die Krone aller Frauen,

In weiblich reizender Geschäftigkeit,

In meinem Haus den Himmel mir erbauen,

Und, wie der Frühling seine Blumen streut,

Mit schöner Anmut mir das Leben schmücken,

Und alles rings beleben und beglücken!

Berta.

Sieh, teurer Freund, warum ich trauerte,

Als ich dies höchste Lebensglück dich selbst

Zerstören sah – Weh mir! Wie stünd’s um mich,

Wenn ich dem stolzen Ritter müsste folgen,

Dem Landbedrücker auf sein finstres Schloss!

– Hier ist kein Schloss. Mich scheiden keine Mauern

Von einem Volk, das ich beglücken kann!

Rudenz.

Doch wie mich retten – wie die Schlinge lösen,

Die ich mir töricht selbst ums Haupt gelegt?

Berta.

Zerreiße sie mit männlichem Entschluss!

Was auch draus werde – Steh zu deinem Volk,

Es ist dein angeborner Platz.

Die Jagd

Kommt näher – Fort, wir müssen scheiden – Kämpfe

Fürs Vaterland, du kämpfst für deine Liebe!

Es ist ein Feind, vor dem wir alle zittern,

Und eine Freiheit macht uns alle frei! …“

Ein Kommentar zu „Wilhelm Tell

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s